Ein Verfahren bei psychischen Störungen schnell zu helfen
In die kinder- und
jugendärztliche Sprechstunde kommen nicht selten Patienten mit Beschwerden, die
psychosomatisch zu deuten sind. Oder die jugendlichen Patienten haben
definierte Störungen wie Prüfungsangst, soziale Ängste, Schlafstörungen
etc. Meist wünschen die Eltern mehr
oder weniger direkt eine medikamentöse Intervention. Dies erfolgt nicht zuletzt
deswegen, um selbst wieder zur Ruhe zu kommen, nachdem sie gemeinsam mit ihrem
Kind unter großem Leidensdruck stehen.
Als Pädiater will man
eigentlich auf sedierende Medikamente verzichten. Denn das ist weder eine
kausale Therapie, noch ist eine zeitliche Begrenzung der Behandlung planbar. Es
ist selbstverständlich, dass eine besonders sorgfältige Fremd- und
Eigenanamnese erhoben werden muss. Diese sollte strukturiert erfolgen. Bei der
Exploration des Jugendlichen ist nicht nur der Inhalt der Äußerungen, sondern
auch die Wortwahl mit ihren semantischen Feinheiten, vermutliche Weglassungen
(Tilgungen) und Verallgemeinerungen
(Generalisierungen) zu
analysieren. Die „Metasprache“ ist mir zunächst wichtiger als der Inhalt.
Ebenfalls besonders bedeutsam sind für mich die nonverbale Kommunikation, also
der Tonfall, die Mimik und Körperhaltung des Patienten.
Methoden
In meiner Praxis fiel
mir immer wieder auf, dass man besonders gut an die Probleme des Jugendlichen
herankam, wenn man sich auf die richtige Weise neben ihn setzte, ihm richtig
zuhörte und schlicht Empathie spüren
ließ (pacing). Meine wichtigste Frage
war stets, was denn anders bzw. verändert werden solle. Unmittelbar nach dieser
ersten und wegen der Spontaneität
aufschlussreichen Exploration
bot ich immer eine Unterweisung in Entspannungstechniken an, z.B. autogenes
Training (a.T.), sofern keine Kontraindikationen bestanden. Da ein Kind oder
ein Jugendlicher mit diesem Begriff nichts anfangen kann, folgte meinem Angebot
eine ganz praktische Erklärung.
„Also das geht einfach so: du setzt dich ganz bequem auf
einen Stuhl oder Sessel – stellst beide Beine mit den Füßen auf den Boden –
legst jeden Arm locker auf den Oberschenkel – so ist es gut - und stellst
dir einen angenehmen Ort vor – wo du
vielleicht schon einmal warst – und den du in ganz angenehmer Erinnerung hast –
und genießt die schönen Gefühle dabei .“
Will man dies dem
vielleicht skeptischen Jugendlichen überzeugend erklären, muss man sich
natürlich selbst entspannt hinsetzen und durch seine Haltung „den Patienten
annehmen“. Die Stimme muss etwas tiefer, langsamer, monotoner und angenehm
klingen Man nennt dies Kongruenz von Worten und Haltung. Außerdem sollte nicht
unbedingt die Helferin eintreten oder das Telefon schrillen.
„…Wenn du angenehme
Gefühle hast, spürst du die beginnende Entspannung in deinen Armen und Beinen –
so ist es gut - mit jedem Atemzug
werden Arme und Beine etwas schwerer und schwerer – ein und aus – ein und aus – schwerer und schwerer - dieses
wohlige Gefühl der Schwere und Entspannung kannst du besser genießen, wenn
deine Augen geschlossen bleiben …“ (meist sind sie schon alleine zugefallen,
spätestens jetzt werden sie geschlossen) „...Während die angenehme Schwere von
Armen und Beinen sich ausbreitet –
spürst du früher oder
später eine wohlige Wärme – irgendwo im Körper beginnt sie – das führt zu
.....“
Entspannungstrance
Es ist für mich jedes
Mal eindrucksvoll zu erleben, wie viele der Kinder oder Jugendlichen bereits bei der erstmaligen bloßen
„Erklärung“ des autogenen Trainings in eine Entspannungstrance geraten. Nicht selten sah ich nach einer
unauffälligen Leichtigkeits- und Schwebe-Suggestion ein langsames Abheben eines
Armes von der Unterlage (Levitation). Dieses vom Patienten als angenehm empfundene
Selbständigwerden eines Armes dient
auch als Bestätigung seines Trancezustandes.
Freilich gelingt einem
Patienten das „Umschalten“ von der besonderen Aufmerksamkeit in einer
Arztpraxis in eine Entspannungstrance nur, wenn er den Arzt irgendwie
sympathisch findet, die Konzentration nicht erheblich beeinträchtigt ist, und
die begleitenden Eltern nicht ständig unterbrechen. Dann kommt es zum „Rapport“
des Patienten mit seinem Arzt.
Ich halte die erste
unvorbereitet herbeigeführte Entspannungstrance aus mehreren Gründen für
besonders wichtig:
1.
Der Jugendliche hat überraschend ganz angenehme
Gefühle erlebt. Und dies obwohl er eigentlich wegen unangenehmer Beschwerden
zum Arzt gegangen war.
2.
Deswegen wird die Einleitung (Induktion) der
nächsten Entspannungstrance sicher und schnell gelingen.
3.
Da sich der Patient nicht bewusst entscheiden
musste, ob er diese Methode auch will, fühlte er sich nicht unter Druck
gesetzt. Vielmehr hat sein Unbewusstes sich bereits positiv entschieden.
4.
Die begleitenden Eltern sind beeindruckt.
Während der folgenden
therapeutische Zusammenkünfte kann die Entspannungstrance weiter vertieft
werden. Dabei dürfen begleitende Elternteile ruhig mitmachen. Ich halte mich
meist nicht an die üblichen sechs Grundformeln des autogenen Trainings, weil
sie zu wenig auf den Einzelnen eingehen. Nur die Atemformel „Es atmet mich“
ist wichtig. Denn hierbei zeigt uns der
Patient unbewusst seinen eigenen Rhythmus, den man nutzen oder sanft
beeinflussen kann. Recht wirkungsvoll kann die Entspannung vertieft werden,
indem man seine suggestive Sprechweise dem Atem-Rhythmus des Patienten anpasst.
Kinästhetische Veränderungen werden regelrecht genossen. Dadurch verstärkt sich
ebenfalls die Trancetiefe.
Wirkungen
Das Eintreten einer
Trance kann man leicht beobachten. Der jugendliche Patient wird motorisch
ruhiger, die Haltung lockerer und die Mimik werden glatter, der Lidschlag wird
seltener oder die Lider schließen sich spontan. Atmung und Puls werden ruhiger
und langsamer. So haben Eltern ihr Kind kaum erlebt.
Während der
Entspannungstrance fühlt sich der Jugendliche derartig wohl, dass er
Suggestionen leichter annimmt. Um keinen Widerstand hervorzurufen, der eine
Trance unbeabsichtigt verflachen oder gar beenden könnte, empfehle ich, auf
„autoritäre“ Suggestionen zu verzichten. Bewährt hat sich die permissive
Methode nach dem berühmten amerikanischen Psychotherapeuten Milton Erickson
(1901-1980). Er verstand es vortrefflich, sich in seine Patienten einzufühlen
(pacing) und ihn durch die richtige Wortwahl in den erwünschten Zustand zu
begleiten (leading). Seine suggestive Sprache war so „kunstvoll vage“, dass
sich das Unbewusste des Patienten den Weg in die Trance selbst bahnen konnte.
Diskrete Regungen der Klienten oder Störungen von außen wurden geschickt in
Suggestionen eingebaut (utilisation).
Bei Kindern und
Jugendlichen bietet es sich eine metaphorische Sprache geradezu an, weil sie
altersbedingt noch besonders gut imaginieren und fantasieren können. Metaphern
mit Tieren und Landschaften sind bei meinen Patienten sehr wirkungsvoll. Zeitreisen
zu unangenehmen Erinnerungen können in Entspannungstrance mit angenehmen Gefühlen versehen und umgedeutet werden
(reframing). Dabei sieht der Patient
als Zuschauer die unangenehme Situation wie in einem Film, also dissoziiert und
distanziert. Die Assoziation mit angenehmen Gefühlen und Bildern erfolgt
suggestiv. So können durch Hypnotherapie unbewusste psychische Traumen günstig
beeinflusst werden. Mein Hauptanliegen
ist es aber, zukünftige Beschwerden und Störungen zu therapieren.
Gleichermaßen während einer Zeitreise
in die Zukunft empfindet der Patient angenehme visuelle, akustische und
zoenästhetische Bilder, die aufkommende Beschwerden „umprogrammieren“. So spürt
ein Migraine-Patient statt des erwarteten Anfalls nur eine kalte Brise auf der
Stirn oder der Schüler mit Prüfungsangst statt der üblichen erwarteten Übelkeit
lediglich Hunger. Ein Asthmatiker
bleibt „cool“, weil er seinen Zustand ohne Angst meistern kann.
Mein Konzept der
Hypnotherapie in der Praxis ist es, einige Male den Jugendlichen in eine
Entspannungstrance zu führen und ihn das wohlig angenehme Gefühl erleben zu
lassen. Dabei gebe ich indirekte oder metaphorische Suggestionen, die die
angestrebte Veränderungen bewirken. Bei älteren und ausreichen intelligenten
Kindern bemühe ich mich, sie zur regelmäßigen Selbsthypnose zu motivieren, was
den therapeutischen Erfolg stützt. Dazu benutzen sie die a.T.-Eingangsformeln
„ich bin ganz ruhig“ und „die Gedanken kommen und gehen wie die Wolken kommen
und gehen“ und schon gehen sie die hinunter zu ihren persönlichen angenehmen
Ort und gleiten Stufe für Stufe tiefer in Trance. Wahrscheinlich erfolgt der
schnelle Eintritt in eine Trance durch Konditionierung.
Erlernen von
Selbsthypnose
Das Zurücknehmen der
Entspannungssituation erfolgt analog zum a.T. durch Rückwärtszählen von 10 bis
1 nach Ankündigung: „Bei 6 spannst du
deine Beine an und streckst sie, bei 3 deine beiden Arme und bewegst sie, bei 1
öffnest du deine Augen, machst eine Faust und bist wieder ganz wach, hellwach.“
Da das Zeitgefühl während der Trance verändert war, sollte man nach der Uhrzeit
schauen (es ist oft später als man denkt).
Das Zurücknehmen
müssen die Kinder, die Selbsthypnose machen wollen, explizit lernen. Die Patienten können früher oder später in
Trance kommen, tiefer oder flacher, wie das Unbewusste es zulässt. Aber das
Zurückkommen ist wichtig, um sich in der sogenannten Realität wieder zu
orientieren. Das kontrolliere ich immer.
Während der ersten
Interventionen vermeide ich übrigens den Begriff „Hypnose“, weil er oft mit
falschen Vorstellungen (Willensbeeinflussung, Showhypnose etc.) verknüpft ist.
Der Begriff „Entspannung“ ist hilfreicher, ebenso „wir machen so etwas wie
leichtes autogenes Training“. Das stillschweigende Einverständnis der Eltern
liegt insofern vor, als sie meine therapeutische Intervention beobachten und
akzeptieren.
Kontraindikationen und
Nebenwirkungen
Kontraindikationen
sind Psychosen und schwere neurotische Störungen der Kinder oder ihrer Eltern
(!), die natürlich eine kinderpsychiatrischen Behandlung benötigen.
Als „Nebenwirkungen“
der Hypnotherapie habe ich beobachtet, dass Kinder sich manchmal „weigern“, aus
der Trance zurückzukommen, eben weil sie so angenehm ist. Hier fasse ich sie an
beide Arme und lasse sie durch Modulation meiner Stimme langsam, aber bestimmt,
wieder aufwachen. Danach lasse ich ihnen Zeit. Ein wohlig angenehmes,
lustbetontes Gefühl
in einer
Entspannungstrance nicht schnell beenden zu wollen, ist verständlich.
Theoretisch kann
während Hypnose ein Kind während einer Regression zu einem unangenehmen
Erlebnis einen Gefühlsausbruch wie heftiges Weinen erleben. Deshalb ist eine
fortlaufende genaue Beobachtung erforderlich, um negative Affekte rechtzeitig
umzulenken.
Schwierigkeiten gab es
manchmal, als ich nach erfolgreicher Veränderung der Beschwerden die
Hypnotherapie beenden wollte. Manche kids lehnten dies ab und bestanden wieder
auf einen neuen Termin. Hier erreichte ich durch Hinauszögern von Terminen und
auf Selbständigkeit hinzielende Suggestionen einen sanften Ausstieg aus der
Patienten-Arzt-Beziehung. Natürlich machte ich allen Patienten, die
hypnotherapeutisch behandelt wurden, das Angebot, wieder mit mir Kontakt
aufnehmen zu dürfen, aber nur bei Problemen.
Diskussion
Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapeuten oder psychotherapeutische ausgebildete Kinder-
und Jugendpsychiater werden darüber diskutieren wollen, ob ein Kinder- und
Jugendarzt in seiner Sprechstunde solche Verfahren anwenden sollte. Schließlich
gäbe es ja zeitaufwendige und kostenintensive Curricula, in denen man sich erst
qualifizieren müsse. Ich meine, hier
hat die Praxis die Theorie eingeholt.
Meine These: Als
„sprechende Ärzte“ sind wir Pädiater qualifiziert genug, unsere Patienten mit
ihren psychosomatischen oder psychischen Problemen anzunehmen und ihnen mit
so einfachen Methoden
wie hypnotherapeutischen Verfahren zu helfen.
Mehr oder weniger zufällig habe ich
in der Praxis entdeckt, wie Kinder und Jugendliche durch einfache Gesprächstechniken
in Trance geraten können. So lag es nahe, dies für suggestive therapeutische
Interventionen zu nutzen. Dass wir Kinderärzte die Worte behutsam wählen und
die Wirkung genau beobachten, das haben wir gelernt. Erfahrungen sammelte ich
durch die praktische Arbeit mit den Jugendlichen und Kindern und deren
erfreuliche Resonanz.
Therapeutische
Sackgassen zu umgehen habe ich nur dadurch gelernt. Außerdem: wie viele Kinder-
und Jugendlichenpsychotherapeuten, die solche Methoden anwenden, gibt es denn?
Die meisten Pädiater
haben irgendwann autogenes Training erlernt, was nichts anderes ist als
Selbsthypnose, die auf Entspannung abzielt. Zeigen wir sie unseren Kindern.
Hypnotherapie ist eine
Bereicherung von praktisch tätigen Kinderärzten. Wir sollten sie nicht
ausschließlich Psychologen überlassen, sondern unsere Patienten selbst helfen.
Vertiefende Literatur
1. Grinder J und
Bandler R, Therapie in Trance, Klett-Cotta, Stuttgart 2000
2. Holtz K u.a.,
Neugierig aufs Großwerden, Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 2000
3. Mrochen S u.a., Die
Pupille des Bettnässers, Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 2002
4. Olness K und Kohen
D, Lehrbuch der Kinderhypnose und –hypnotherapie, Carl-Auer- Systeme,
Heidelberg 2001
Verfasser
Dr. med. Rüdiger Mende
Kinder- und Jugendarzt
Callenberger Str. 23
96450 Coburg
mail@kinderarzt-coburg.de
Abstract
The author explains simple hypnotherapeutic methods during the
consultation-hour.
Executing a detailed exploration
and giving an example of “autogene training” often results in a trance of the juvenile client. This
fact can be utilised for hypnotic influence of psychosomatic or emotionally
disturbances. By means of permissive trance methods the pediatrist can cause
amazing changes of these disturbances. So pediatrists can quickly help their
clients themselves.